Reiserückkehr – Christine’s Version

Ein ehrlicher Gedanke, der mich seit/nach unserer Weltreise begleitet: „Was möchte ich wirklich
mit meiner Lebenszeit anfangen?“ Für mich hat Zeit eine ganz andere Bedeutung, wie vor unserer
Reise – sie ist für mich zu einer kostbaren Währung geworden, die ich nicht mehr so „einfach“
eintauschen möchte

1. Das Leben vor der großen Weltreise – Es begann schon in der Kindheit

Die Welt sehen – davon habe ich schon geträumt seit ich denken kann. Ich erinnere mich auch heute noch gerne daran, wie ich als kleines Kind – spät abends aus unserem kleinen Badezimmerfenster – die Flugzeuge am Himmel beobachtet und mir immer vorgestellt habe, wie es wohl wäre, über den Wolken zu fliegen. Ein Teil von mir wusste schon immer, dass ich nicht für den „normalen“ Weg bestimmt war und schon immer „mehr“ wollte – mehr von der chaotischen Welt und mehr von echten Begegnungen und Geschichten. Mich haben schon immer „exotische“ oder besser gesagt „passionierte“ Menschen wie Jane Goodall und Steve Irwin fasziniert, die wirklich für etwas gebrannt haben – Menschen die auf ihr Bauchgefühl gehört und unsere Welt besser gemacht haben. Für mich war lange nicht klar wie dieser Weg wirklich aussehen wird, bis unsere große Weltreise im Jahr 2022 wirklich alles auf den Kopf gestellt hat – auch alte Glaubenssätze und Überzeugungen.

2. Während der Weltreise – Geschichten aller Welt die (d)ein Leben verändern

Anfangs war das Heimweh sehr präsent und es hat mich auch das ganze Jahr über in Neuseeland begleitet. Es waren die Menschen nach denen man sich gesehnt hat, aber auch die kulturellen Dinge wie ein gutes Stück Heuberger- Landbrot oder auch eine gute Flasche Filippo-Sprudel, die nicht gerade nach purer Säure schmeckt (USA lässt grüßen). Auf dem Weg hat sich aber etwas verändert: durch den Abstand zur Heimatstadt bekommt man einen ganz anderen Blickwinkel auf vieles. Besonders in Gesprächen mit Gleichgesinnten, die uns mit ihren „out-of-the-box“ – Geschichten regelrecht beflügelt haben.

Wir haben schnell erkannt, dass wir auch so leben können und nicht nach Muster-X unser Leben regelrecht „abarbeiten“ müssen – wenn wir möchten können wir auch etwas verrücktes machen, wie beispielsweise ein Haus am Meer kaufen oder ein Unternehmen gründen, dass zu unseren Bedürfnissen passt. Die Reise und vor allem die Menschen darin haben mich also vor allem eines gelehrt: Alles ist möglich, man muss nur Herr über seine eigenen Ängste werden und mit dem Gedanken leben können, dass nicht alles perfekt wird!

Aber genau das macht das Leben doch erst so interessant, denn meistens sind die Umwege und Misserfolge genau diejenigen Geschichten, die man später bei einer guten Flasche Wein erzählt. Es sind die Geschichten der Menschen die mich verändert haben – vor allem jene Geschichten über den Neuanfang und das Leben außerhalb des Tellerrands!

3. Wieder da und doch nicht hier – Willkommen in der Überraschungs-Bubble

Worauf dich niemand vorbereitet, wenn du nach Hause zurückkehrst: die Trauer um die Version von dir selbst, die du mit dem letzten Flugticket zurücklässt – und zugleich die Herausforderung, zu der Person zu werden, die danach auf dich wartet. Vorher erzähle ich euch aber erst noch die Geschichte über unsere Rückreise, denn auch sie hatten es in sich:

Unsere Reise mit dem Zug von Belgien nach Deutschland war ein richtiges Abenteuer (wir sind von Kanada nach Paris geflogen und von dort nach Belgien – geplant als kurze Akklimatisierungsreise). Jeder von uns hatte einen riesen Koffer und zwei kleine Rucksäcke dabei – 2,5 Jahre voller Emotionen, vom ausgetragenen H&M Pyjama und abgetretenen Sneaker/Birkenstock, bis hin zu gefühlt 1000 Stickern und Magneten. Es war ein komisches Gefühl genau diese Sachen wieder auf europäischen Boden zu tragen – vor allem im schicken Paris. Nichtsdestotrotz hatten wir eine unfassbar schöne Angangszeit ohne großen Druck an uns selbst – wir wollten es langsam angehen lassen und wie auch schon im Ausland viele Dinge einfach spontan entscheiden.

Unsere Zugfahrt nach Deutschland war tatsächlich ein letztes kleines Abenteuer. Wir mussten ganze 7 mal umsteigen – es ging von Brügge nach Brüssel, anschließend nach Saarbrücken und von dort nach Mannheim bis nach Stuttgart. Dort sind wir dann in den Zug nach Sigmaringen eingestiegen und mit dem Regio-Bus ins kleine verschlafene Meßkirch gefahren – eine Kleinstadt zwischen der schwäbischen Alb und dem Bodensee, die mehr Döner-Länden, als Ampeln hat. Ich sehen mich heute noch mit meinem überdimensionalen Koffer und mit meinem Muschel-Fußkettchen im Bus sitzen und mit meiner alten Arbeitskollegin quatschen, die ich seit gefühlt 7 Jahren nicht mehr gesehen habe. Trotz Verspätung haben wir alle Züge/Busse erwischen, was mir heute noch wie ein Wunder vorkommt – die letzte Herausforderung unserer großen Weltreise, die für uns den Abschluss eines neuen Lebensphase markiert. Zwölf Stunden später sind wir schließlich zu Hause angekommen und wurden vom einzigen Taxiunternehmen der Stadt auf die gute alte schwäbische Art begrüßt – im Auto hat es mehr nach Kneipe gerochen, als vermutlich in der Kneipe selbst.


Die kurze Taxifahrt war für mich extrem surreal – Valentin und ich haben uns die ganze Zeit nur ungläubig angeschaut. Jetzt sind wir wirklich wieder zurück! Wie konnten 2,5 Jahre so schnell vorbei gehen?


Die erste Überraschung war genau so wie wir es uns vorgestellt haben – keiner wusste das wir kommen d.h. Familie und Freunde sind buchstäblich aus allen Wolken gefallen – und für die nächsten zwei Wochen waren wir erst mal in unserer „Überraschungs-Bubble“ unterwegs. Heute hätte ich es wohl anders gemacht, denn die emotionale Achterbahnfahrt war gar nicht so ohne – schlaflose Nächte und endlose Fragen inklusive.

Was wollen wir in Zukunft machen? Wie können wir reisen und arbeiten verbinden – ist Selbstständigkeit der einzige Weg? Wo möchten wir leben? Und wer bin ich überhaupt ohne unsere große Weltreise?

4. Wenn der „Travel-Glow“ wieder verschwindet – Wenn die Realität auf neue Denkmuster trifft

Nachdem wir alle begrüßt hatten und Weihnachten vorbei war – ja wir haben den größten Fehler gemacht, den man als Rückkehrer überhaupt machen kann: Wir sind im Winter heim gekommen – wurde uns schnell klar, dass wir umziehen werden. Nach dem Motto: wenn wir in Deutschland bleiben, dann dort wo es uns gefällt. München, Innsbruck oder Berchtesgarden standen im Raum, dass es aber doch die schwäbische Region bleiben wird, damit hätten wir nicht gerechnet. Es ging für uns *trommelwirbel* nach Meersburg – eine Urlaubsregion direkt am Bodensee.


Die Zeit am Bodensee war einer der schönsten, aber auch schwierigsten Zeiten nach unserer Rückkehr für mich, vor allem was den Prozess der Selbstfindung angeht. Es hat ein ganzes Jahr gebraucht, um wieder einigermaßen klar zu kommen. Während der Reise habe ich jede Art von Herausforderung geliebt, doch zurück in Deutschland kamen alte Zukunftsängste schneller wieder zurück, als ich „Kaiserschmarren & Laugenbrezeln“ sagen konnte. Habe ich mir mein neues, selbstsichereres „Ich“ nur eingebildet? In Deutschland hat vieles mit gesellschaftlichen Glaubenssätzen zu tun, die man schon als Kleinkind eingetrichtert bekommen und es ist super schwer, genau diese wieder abzulegen. Eine Kündigung später sollte ich aber wieder die Möglichkeit bekommen auf mein Bauchgefühl zu vertrauen – vor allem beruflich.

5. Kein Plan B – Chancen auf lebensverändernde Fehler

Wir konnten das ganze Jahr über nicht allzu viel machen, da wir erst mal genügend Geld für Valentins Meisterschule auf die Seite legen mussten. Sagen wir es so: Nach dem besten Trip deines Lebens überhaupt nichts mehr zu unternehmen fühlt sich an wie pure Folter an – wobei wir sehr viel Glück hatten und das Jahr beruflich am Bodensee verbringen durften. Trotzdem hat uns der internationale Austausch gefehlt, daher haben wir uns kurzerhand für ein House Sitting Job über Silvester beworben – für mich war es, als wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen. LONDON über Silvester! Wenn das mal kein 6er im House-Sitting-Lotto ist.

Für mich war schon der Flug nach London sehr emotional. Endlich wieder am Flughafen – ein Ort der für mich schon zu einer zweiten Heimat geworden ist während unserer großen Weltreise. Die Tage in der trubeligen Großstadt waren wie Balsam für meine Seele und das Wetter war für Londoner Verhältnisse ein absoluter Traum. Wir hatten sogar Glück und haben ganz spontan Tickets für die Harry Potter Studios bekommen – sogar die Ticketverkäuferin hat uns ungläubig angeschaut, als wir ihr gesagt haben, wann wir die Tickets gebucht haben. Ihre Worte: “ You can be sooo lucky for being here guys. Especially in a busy Season like this!“. Und genau das waren wir: „Glücklich wieder Teil dieser facettenreichen Welt zu sein“.

Silvester war der große Wendepunkt für mich – es wurde Zeit loszulassen und endlich nach vorne zu blicken. Zukunftspläne sind essentiell dafür. Unsere Idee: Wir wollen zwar wieder große Reisen planen, doch diesmal soll es anders werden. Für uns spielen Faktoren wie Zeit und eine erfüllende Aufgabe eine ganz neue Rolle – wir wollen nicht mehr „davon rennen“ sondern ankommen. Beruflich aber auch persönlich. Dafür sind wir auch bereit Risiken einzugehen. Unser Ziel: Ein selbstbestimmtes Leben das wir lieben, unabhängig wo wir auf der Welt unterwegs sind!




Für alle Reise-Rückkehrer, hier noch eine kleiner Satz zum Schluss ♥

Vergiss nicht: Du kehrst nicht an den Anfang zurück. Du kehrst als ein anderer Mensch zurück! Die Reise hat dir gezeigt, dass du dich in fremden Ländern zurechtfinden, Entscheidungen treffen, Ängste überwinden und ein Leben fern von allem Vertrauten aufbauen kannst. Warum solltest du es jetzt nicht auch schaffen? Vielleicht fühlt sich dieser Neuanfang gerade beängstigend an. Aber genau darin liegt deine Chance. Du musst nicht in dein altes Leben zurück passen, wenn es nicht mehr zu dir passt. Du darfst etwas Neues aufbauen – eines, das sich nach dir richtet und nicht nach den Erwartungen anderer. Die größte Reise ist manchmal nicht die um die Welt, sondern die zu einem Leben, das du ganz bewusst selbst gestaltest.

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